Parallele Entwicklungen zwischen dem Controlling und dem Gesundheitswesen in Deutschland?

In der SZ vom 4./5. März gab es auf der Seite 22 einen Artikel von Werner Bartens mit dem Titel “Der deutsche Patient”. Während des Lesens erschienen mir zahlreiche Parallelen zwischen der Entwicklung im deutschen Gesundheitswesen und im Controlling.

Vielleicht lassen sich Controller auch als betriebswirtschaftliche Ärzte einer Firma interpretieren. Dann wären die Zentralcontroller eher die Fachärzte und die dezentralen Controller eher die Hausärzte.

Auch werden Controller meistens erst bei Abweichungen aktiv und entwickeln Maßnahmenvorschläge. Doch nun zum Artikel. Dort heißt es u.a.:

“Noch immer unterliegen Mediziner dem “Zwang zur Diagnose”, wie es der Philosoph Wolfgang Wieland nannte, und machen weder sich noch ihren Patienten klar, dass diese Untersuchung oder jener Befund keine Konsequenzen hat.”

(Arzt und Patient benötigen) “… das Konstrukt einer notwendigen Krankheitsursache.

“Bekommen Patienten zu hören, sie hätten etwas, sind sie enttäuscht. Wird ihnen gesagt, sie hätten nichts, sind sie auch enttäuscht.”

Hier scheint mir eine Parallelität zum Aufwand und dem Dilemma der controllerischen Analysen im Berichtswesen und bei Sonderaufgaben vorzuliegen.

Weiter:

“Die Selbstwahrnehmung als gesund verflüchtigt sich unter dem Diktat von Risikoabwägungen: Es gibt kaum noch Gesunde – nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind.”

“Mediziner pathologisieren das Normale und katalogisieren es in wichtig klingende Diagnosen: Burnout, Sick-Building-Syndrom, … neuer im Angebot sind die Diagnosen Schreikind, Wechseljahre für den Mann, Glatze für die Frau. … Die Medizin schafft sich so einen Teil ihres Bedarfes selbst: Unter dem Schlagwort Screening und Risikominimierung werden Gesunde vorbeugend untersucht.”

Sind Parallelen zu Management-Buzzwords und Risiko-Controlling möglich? Gibt es kaum noch “gesunde” Firmen, sondern nur noch Firmen mit mehr oder weniger hohen Existenz- bzw. Insolvenzrisiken?
“Uwe Reinhardt, ein origineller amerikanischer Ökonom, entwarf bereits vor Jahren die Vision der Industrienation, die sich in ein riesiges Krankenhaus verwandle – in dem jeder Bewohner arbeite oder als Patient läge.”

Oder als Controller die wirtschaftlichen Prozesse plant bzw. die Abweichungen zwischen Plan und Ist analysiert? Brauchen Firmen evtl. gar keine Kunden mehr, sondern können sich nur noch mit Planungs- und Abweichungsfragen beschäftigen?
Weiterhin ist zu lesen:

“Ein Vergleich von 6 Ländern zeigte 2005, dass Deutsche mit dem Gesundheitswesen unzufriedener sind als Amerikaner, Kanadier, Briten, Australier und Neuseeländer…. Doch haben die Deutschen die kürzesten Wartezeiten, die verlässlichsten Laborbefunde, die wenigsten Krankenhausinfektionen und die größten Freiheiten bei der Arztwahl.”

“Eine Befindlichkeitsindustrie aus Ärzten, Patienten und Pharmaindustrie, die (.. normale Entwicklungen (Altersschwäche , Gesundung durch Ruhe etc.) und …) jede Abweichung zur Krankheit erklärt, lässt einen Zustand ohne Beschwerden als suspekt erscheinen.”

Genauso wäre ein Controlling ohne Abweichungen suspekt. Das führt eventuell dazu, dass wir die Besten sind, es aber nicht merken und auch nicht genießen können, weil wir auf die Abweichungen fokusziert sind, die uns weiter nach vorne treiben.

Vielleicht mag auch noch ein letzter Vergleich stimmen. Entscheiden Sie selber.

“Der Psychiater Klaus Dörner brachte das “Leiden an der Gesundheit” auf den Punkt: “Je mehr ich für meine Gesundheit tue, desto weniger gesund fühle ich mich.”

Je mehr Controlling ich betreibe, desto wirtschaftlich schlechter fühle ich mich als Firma oder Land, auch wenn ich seit 3 Jahren Exportweltmeister bin???

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